Sonntag, 22. September 2013

Es ist Nichts im Vergleich.

Auch wenn ihr Bett und ihr Stuhl und ihre Couch frei waren, es dort gemütlich, warm und praktisch war, saß sie auf dem Boden. Zwischen ihren Bücherregalen, angelehnt an den großen Holzbalken, der senkrecht nach oben verlief und das Dach über ihr schon seit Jahrzehnten hielt und ihr schon seit sie denken kann, eine Stütze im Rücken war, wenn sie da saß wie gerade. So klein - nein kompakt - so wenig Platz wie möglich für sich einnehmend saß sie da und nippte an ihrer neuen Teesorte, die in der Verpackung doch noch so gut gerochen hatte. Ihre Hände klammerten sich um die heiße Porzellantasse, als wäre es ihr einziger Halt, als wäre es das einzige, was sie immer wieder von ihren Gedanken zurück hier her holte. Wahrscheinlich hatte sie aber einfach nur bedenken, dass sie die Tasse fallen lassen könnte, wenn sie sie lockerer hielt, oder aber ihr war wirklich kalt bei den anfänglichen Herbsttemperaturen, sodass sie es bloß auf die Wärme abgesehen hatte. Ein paar Nutellacookies mit Haselnüssen, eine kleine, blumig gemusterte Dose gefüllt mit Zuckerwürfeln, ein kleiner Löffel aus dem guten Besteckset ihrer Omi, ihre Brille, die sie wirklich ungern und nur dann trug, wenn ihr sonst die Augen anfingen zu tränen, und ein paar Papierschnipsel lagen auf ihrem Nachttisch, von dem sie sich das Buch runter holte. Sie durchblättert das kleine Buch Seite um Seite, auch wenn sie den Inhalt schon zu genüge kannte, aber es ging ihr nicht um die Wortwahl oder darum sich die Bilder anzusehen. Es ging um Erinnerungen, um die Erinnerung an die Person, die dies geschrieben hat, an das Gefühl das sie überkam, als sie es das erste mal in der Hand hielt, um die Erinnerung an all die Erinnerungen die darin festgehalten waren. Es war ein gutes, ein warmes Gefühl, das sie jedes mal überkam, wenn sie es sich ansah. Zu Beginn, hatte sie es wieder und wieder gelesen, um des Buches wegen, heute hielt sie es nur in ihrer Hand um dieses Gefühl zu spüren. Plötzlich rutschte es ihr aus ihren Fingern und sie war wieder vollkommen da, sie versuchte es um jeden Preis aufzufangen, auch wenn nichts schlimmes hätte passieren können, da es höchstens ein paar cm tief gefallen und auf einem sauberen Laminatboden gefallen wäre. Aber sie konnte es nicht fallen lassen, und sie lies es nicht fallen, sie fing es, aber dabei vergaß sie, was sie in ihrer anderen Hand gehalten hatte, die Tasse mit dem kochend heißem Tee. Er schweppte über und übergoss ihre Hand, ihren Arm und das Buch, das sie doch vor dem Fußboden gerade gerettet hatte. Sie saß da, kompakt, auf dem Boden, in der Ecke, nass mit schmerzender Haut, vor ihr liegend die umgekippte Tasse-ohne Tee- und das Buch.

1 Kommentar: