Mittwoch, 6. Mai 2015

Zweiter Himmel.

Die Tropfen, die auf deine Haut fallen und sich wie kleine Spiegelhügel auf ihr sammeln. Wie gerne wäre ich einer von ihnen, irgendwo vom unendlich weiten, unendlich blauen, von hier unendlich unerreichbarem Himmel gefallen, in einen See gelaufen und von Fischen hin und her geschubst, in einem Bach gezwängt, in eine Kläranlage gesperrt, durch Rohre und Leitungen gedrückt. Von einem wunderschönen Ort, einem unendlichen, auf eine lange Reise geschickt, eine Reise der Veränderung, durch Orte, die man nie hatte sehen wollen. Aber letztlich kommt der Moment, dieser eine Moment, in dem der Tropfen sich im freien Fall fühlt - ist es jetzt vorbei? Wohin sollte es noch weiter gehen? - und schließlich landet er auf dir, deiner weichen, schönen, warmen Haut. Tropfen. Liebe. Tropfen. Wärme. Tropfen. Umarmung. Tropfen. Tränen. Tropfen. Stummes Schluchzen. Tropfen. Sanfte Hand. Tropfen. Rücken. Tropfen. Schulterblatt. Tropfen. Schulter. Tropfen. Hals. Tropfen. Wange. Tropfen. Kuss. Tropfen. Mein Kopf an deiner Brust. Tropfen. Tropfen. Tropfen. Tropfen. Tropfen. Tropfen.
 -
Trotz allem folgen sie ihr, geben sie ihr nach, unterliegen ihr, der Schwerkraft. Wie auch wir, die auf dem Boden der Dusche hocken. Sie rutschen langsam aufeinander zu , sammeln sich, schließen sich zu kleinen Bächen und später zu Flüssen zusammen, die an dir wunderschönen Gestalt hinabfließen. Alle Richtung Abfluss, wieder in Rohre und Leitungen in Bäche und Flüsse. Gedrückt, geschoben, gewirbelt, verwirbelt, verwirrt. Aber vielleicht, vielleicht schaffen diese Tropfen es ja, bis ins Meer -drück mich noch einmal an dich- der zweite Himmel. Du bist die Mitte, du gibst die Pause. Den Tropfen - mir. Ich kann gleich aufstehen und durch die nächsten Lei(s)tungen gedrückt werden, weil du hier bist. Vielleicht schaffe ich es ja auch in meinen zweiten Himmel. Vielleicht schaffen wir es ins Meer.